Coronavirus Spanien: Virus galoppiert, System am Anschlag

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Von Selbstmedikation wird dringend abgeraten. Foto: Ángel García

– Neueste Zahlen: 4.089 Tote und 56.188 registrierte Infizierte in Spanien bis Donnerstag
– Gesundheitssystem vor dem Kollaps, Schnelltests nutzlos?
– Kritik an Teilstillegung privater Krankenhäuser
– Politik in Zeiten des Virus: Vorwürfe und Schuldsuche
– Regierung berät zweites Hilfspaket: Grundeinkommen und Miethilfen
– Valencia verschiebt Mietzahlungen für Landesimmobilien um drei Monate
– Not macht erfinderisch: Selbstmedikation und alte Therapien

Mit Stand Donnerstag (publiziert 12 Uhr, Gesundheitsministerium Madrid) gibt es in Spanien wegen des Coronavirus:
– 56.188 Infizierte (über 8.500 mehr als vor 24 Stunden)
– 4.089 Tote (+ 665 zum Vortag, aber ein Anstieg um 80 weniger als vor zwei Tagen)
– Auf Intensivstationen 3.679 (+ 500)
– Gesund geschrieben 7.015 (+ 1.500, bis dato höchste Zahl in 24 Stunden)

11 weitere Tote in 24 Stunden meldet die Provinz Alicante, die jetzt auf 81 Todesopfer kommt. Donnerstagmorgen waren hier 1.039 als infiziert registriert, 181 mehr als am Vortag, in der Region Valencia steht die Zahl bei 3.200. Weltweit steht der Covid-19-Zähler bei: 472.109 Infizierten, 21.308 Toten sowie 114.870 Geheilten (davon 75.000 in China).

Einheit und Zwist

Die weitgehende Einheit der politischen Parteien bei der Verlängerung des Alarmzustandes bis 12. April, der gestern im Kongress von Madrid mit großer Mehrheit angenommen wurde, hielt nicht lange. Oppositionsführer Pablo Casado, PP, meint, dass Regierungschef Sánchez „nicht auf der Höhe“ der Lage sei, seine PP-Regionalpräsidenten schieben sämtliche Mängel bei der Gesundheitsversorgung auf die Regierung. Experten kontern, dass die massiven Einsparungen und Privatisierungen der PP-Regierungen Schuld seien. Katalonien besteht weiter darauf, dass es der „Zwang der Zentralregierung“ sei, der schärfere Quarantänemaßnahmen verhindere.

Zweifel an Schnelltests

Diese Meinungen helfen zur Zeit niemandem. Neben der als schleppend beschriebenen Verteilung der Schutzausrüstungen, die Madrid zentral für 432 Millionen Euro beschafft hat, kommt hinzu, dass die Zuverlässigkeit der 640.000 gelieferten Schnelltests der Firma Bioeasy aus Shenzhen offenbar so niedrig ist, dass sie von einigen Virologen als „nutzlos“ beschrieben werden. Derzeit werden sie am Instituto de Salud Carlos III getestet, das dem Ministerium für Gesundheit untersteht, angeblich soll die Testsicherheit bei rund 30% liegen, 80% wären notwendig, um von einem brauchbaren Test zu sprechen.

„Alle Behörden arbeiten unermüdlich, um das sanitäre Material heranzuschaffen. Es ist ein echter Krieg, um an Masken, Tests oder Beatmmungsgeräte zu kommen…“, beschreibt Regierungssprecherin und Ministerin María Jesús Montero die Lage. Die Intensivstationen in Madrid und zunehmend in Katalonien sind bereits seit Tagen über der Kapazitätsgrenze und „am Rande des Kollapses“ wie die örtlichen Verantwortlichen versichern. Die Ausweichquartiere werden zu langsam fertig und der Mangel an Basismaterial gefährdet die „erste Frontlinie der Kämpfer gegen das Virus“. 15% aller Infizierten sind Mitarbeiter des Gesundheitswesens, weitere 10% gehören zu den Sicherheitskräften.

Privatkliniken sparen

Kritik wird an der Schließung von Privatkliniken geübt. Zwar unterstehen diese im Alarmzustand auch der Regierung, lassen aber nur jene Klinikteile offen, die derzeit für die Behandlung von Infizierten benutzt werden können. So hat die Gruppe HM sieben Polikliniken in der Region Madrid unbefristet geschlossen, um Kosten zu sparen und „überleben zu können“, wie sie mitteilte. Es werden Forderungen laut, dass die Privatkliniken alle Nicht-Corona-Virus-Patienten den öffentlichen Krankenhäusern abnehmen könnten und sollten, um diese so zu entlasten. Dafür bedarf es nur eines Dekrets des Regierungschefs. Es dürfe vor allem nicht sein, dass medizinisches Personal – gleich welcher Qualifikationsstufe – in diesen Zeiten arbeitslos nach Hause geschickt werde. Denn man könne es auch in Altersheimen dringend brauchen.

Das Thema wird nach der Krise für eine Grundsatzdebatte über das Gesundheitswesen sorgen.

Regierung berät zweites Hilfspaket: Grundeinkommen und Miethilfen

Wie gestern bereits berichtet, hat die Regierung verstanden, dass ihr gigantisches 200 Milliarden-Euro-Hilfspaket nachgebesser gehört. Vor allem für Familien, Selbständige und Menschen mit kleinen oder fast keinen Einkommen. Beschlossen ist noch nichts, aber dem kommenden Ministerrat am Dienstag soll unter anderem zum Beschluss vorgelegt werden:

– Ein bedinungsloses, zeitlich befristetes Grundeinkommen für besonders schwache Einkommensschichten
– Mietenerlass bis zu 100% für die Dauer des Alarmzustandes, für Menschen, Familien, Selbständige, Kleinunternhemer, die diese Zahlung nicht mehr aufbringen können, wobei die Regierung den Vermietern den Ausfall zahlt (bis 100% bei bis zu zwei Vermietungsobjekten, von da absteigend bis 5% bei mehr als acht vermieteten Objekten)
– Enge Beschränkung der Möglichkeit der Erhöhung von Mieten bis sechs Monate nach Ende des Alarmzustandes, um Spekulationen zu vermeiden
– Dreimonatiges Kündigungsverbot von Mietverträgen, automatische Verlängerung für die Zeit des Alarmzustandes
– Aussetzung der „Quota“, der monatlichen Pflichtabgabe für Selbständige nicht erst ab 75% Einnahmeeinbruch (wie es bisher gilt)

Die Region Valencia hat angekündigt, in den nächsten Monaten keine Mieten für landeseigene Immobilien in Rechnung zu stellen. Dabei geht es um zigtausende Wohnungen sowie viele kleine Ladenlokale und Büros die zur landeseigenen Körperschaft Entitat Valenciana d.Habitatge i Sòl (EVha) zählen. Diese Mieten sollen dann binnen sechs Monaten nach Ablauf des Alarmzustandes abgestottert werden können, eine Frist, die von Mieterverbänden sofort als „illusorisch“ qualifiziert wurde.

Not macht erfinderisch: Selbstmedikation und alte Therapien

Apotheken wurden landesweit angewiesen, bestimmte Wirkstoffe, die in den Medien als Virenhemmer oder Stabilisatoren des Immunsystems bekannt gemacht werden und bei anderen Krankheiten helfen, nicht mehr ohne Rezepte zu verkaufen. Allein aufgrund von Stichworten könne man keine Automedikation durchführen, warnen Ärzte dringend, weshalb wir die Wirkstoffe hier auch nicht nennen. Die Kombination und Weiterentwicklung bewährter Antivirenmittel z.B. gegen Malaria, Ebola oder Wirkstoffe, die bei Immunschwächen zum Einsatz kommen ist Sache der Experten.

In Spanien und in den USA experimentiert man zudem mit einer unkonventionell scheinenden, aber bereits vor 100 Jahren angewandten Methode: Die direkte Transfusion von Blutplasma von Menschen, die den Virus losgeworden sind an Infizierte. Man spekuliert schlicht darauf, dass diese Antikörper entwickelt haben, auch wenn man diese noch nicht identifiziert hat. Eine Wirksamkeit bei Covid-19 ist noch nicht kommunziert worden.

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